Austauschtreffen

 

Fragen zum Ehrenamt als Lesepatin

 

  1. Ich bin vor 13 Jahren von einer Mitgründerin der Initiative, Frau Ibo Gloyr, angesprochen worden und bin seit Feb. 2014 dabei.  Da ich als Dipl. Pädagogin mit abgeschlossenem Lehramtsstudium mit 1. und 2. Staatsexamen sowie einer Ausbildung und Praxis als Kindergärtnerin (so hieß das 1969 noch) engen Bezug zur Thematik habe, fiel mir die Entscheidung leicht.  

  1. Ich bin seit Beginn in einer Eingangsklasse der Diesterwegschule (gelbe Gruppe) eingesetzt. Über die Jahre wechseln die Klassenlehrer, jedes Jahr ca. die Hälfte der Kinder (die dann in die G-Klasse wechseln). Der jetzige Klassenlehrer ist schon einige Jahre in der Klasse und hat sich als Dipl.-Sozialpädagoge (?) auf die Eingangsstufe spezialisiert. Wenn Grundkenntnisse erworben sind, lese ich jeweils mit einem Kind Silben, Wörter, kleine Texte oder gegen Ende des 2. E-Jahres auch Lernanfängerbücher. Die meisten Kinder lesen gern mit mir und kommen spontan auf mich zu.  

  1. Lernfortschritte sind deutlich zu beobachten. Mein Augenmerk gilt stark der Lesemotivation, was meistens klappt: Freiwilligkeit, Lob, Verweis auf Erfolge. Wenn Kinder unwillig sind, versuche ich, sie zu 10 Minuten zu überzeugen. Ab und an werden auch Kinder frech oder unverschämt. Dann setze ich klare Grenzen und sage dem Kind, dass ich mir das nicht bieten lasse und es dann nicht mit mir lesen darf. Meistens ist Überraschung bis Erschrecken die Reaktion – offensichtlich sind klare Worte nicht für alle Kinder selbstverständlich.  

  1. Die Zusammenarbeit mit dem Klassenlehrer ist freundlich und konstruktiv. Andere Ehrenamtler oder die Schulleitung sehe ich nie, zu Weihnachten kommt eine freundliche Karte der Schulleitung. Allerdings halte ich mich auch nicht im Lehrerzimmer auf.

  5. Ich mache diese Tätigkeit auch nach so vielen Jahren immer noch gerne, da mich die               Erfolge  der Kinder auch motivieren. Außerdem ist die Regelmäßigkeit auch ein Stück           Struktur in meinem Rentnerinnen-Dasein (neben anderen Aufgaben), da ich sehr lange     berufstätig war und weiter aktiv sein möchte, solange ich das physisch und psychisch schaffe.  

  1. Ich fände es gut, die anderen Ehrenamtler an der Schule gelegentlich zu treffen und kennenzulernen. Das gab es unter der vorherigen Schulleitung, jedoch seit Jahren nicht mehr.

 Für Fragen können Sie mich gern ansprechen.

 

 Wiesbaden, 16. Mai 26

 

G.N.

 


Fragen zum Ehrenamt als Lesepatin/Lesepate
Motivation und Einstieg
Wie sind Sie zu dem Ehrenamt gekommen?
Auf der Suche nach einer sinnvollen und sinngebenden Beschäftigung während
eines Sabbaticals im Jahre 2016 stieß ich durch Vermittlung des Freiwilligen-
zentrums Wiesbaden zum Projekt „Angekommen“, das es sich zur Aufgabe
gemacht hatte, Deutschkurse für Geflüchtete anzubieten. Dort war ich tätig als
ehrenamtliche Lehrkraft für Deutschunterricht und als Mitglied des Orgateams
verantwortlich für die Organisation von Kursen, Infrastruktur, ehrenamtlichen
Kräften und BeschaƯung von Fördermitteln.
Nach Beendigung meiner beruflichen Tätigkeit als Manager und Unternehmens-
berater 2019 wurde ich – wieder über das Freiwilligenzentrum – aufmerksam auf
die Initiative Ehrenamt Schule, nahm Kontakt auf und bin seitdem als Lernbegleiter und Lesepate tätig.
Was hat Sie persönlich am meisten angesprochen, mit Grundschulkindern zu
lesen?
Nachdem ich über einen langen Zeitraum als ehrenamtlicher Deutschlehrer für
jugendliche und erwachsene Geflüchtete tätig war, suchte ich nach einer
Tätigkeit, in die ich meine erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen einbringen
konnte.
Mir war (und ist) klar, dass man so früh wie möglich anfangen muss, Sprach-
kenntnisse zu vermitteln, um dadurch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
und Lernen zu ermöglichen und Chancen zur persönlichen und beruflichen
Entwicklung zu öƯnen. Deshalb ist die Arbeit mit Grundschulkindern für mich so
wichtig und erfüllend.
Erfahrung im Alltag
Wie läuft eine typische Lesestunde mit den Kindern ab?
Lesestunden sind ein (wichtiger) Teil meiner Arbeit mit den Kindern. Das Lesen
findet immer 1:1 mit einem Kind statt, entweder in einem Nebenraum oder einer
„Lerninsel“ im Flur. Während die übrigen Kinder mit der Lehrerin in freien Arbeits-
stunden ihre Arbeitsblätter oder sonstigen Aufgaben erledigen, kommen nach-
einander ausgewählte Kinder zu mir. Wir lesen in der Regel die sog. „Lesetests“
der Lola, die sich jeweils auf die im Unterricht gelernten Inhalte beziehen. Alle
Kinder der Klasse kommen sukzessive in den „Genuss“ des Einzellesens. So
entsteht erst gar nicht der Eindruck einer Stigmatisierung.
 Welche Fortschritte beobachten Sie bei den Kindern im Laufe der Zeit?
Die Fortschritte, die die Kinder erzielen, sind sehr unterschiedlich. Sie sind immer
dann am größten, wenn es gelingt, die Eltern mit in das Üben einzubeziehen.
Dazu braucht es eine enge Absprache aller Beteiligten: Mit der Klassenlehrerin
tausche ich mich darüber aus, wo genau es denn „hakt“ (z.B. bei der
Verschmelzung von Lauten, Silbenbildung, Konzentration, …). Es war auch schon
der Fall, dass mir auƯiel, dass das Kind oƯensichtliche Sehprobleme hatte. Mit
Brille klappte das Lesen gleich schon viel besser. Gibt es besondere Momente oder Begegnungen, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?
Gerade kürzlich habe ich erlebt, wie es gelang, dass die Eltern nun „richtig“ mit
dem Kind zu Hause übten, d.h. nicht Buchstabieren übten, sondern den Lernweg
einschlugen, den das Kind in der Schule (und mit mir) geht. Das Mädchen blühte
geradezu auf, als es selbst auch den Fortschritt bemerkte und richtig Spaß am
Lesen bekam.
Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich auch sehr traurige Situationen erlebte,
in denen diese gemeinsamen Hilfen (meist wegen Verweigerung und/oder
Desinteresse der Eltern) so gar nicht fruchteten. Am schmerzhaftesten denke ich
immer noch an Mohammed, der völlig den Anschluss verlor in Deutsch, dadurch
in der Klasse mehr und mehr zum Außenseiter wurde, sich letztlich völlig im
Unterricht verweigerte und aggressiv auf alle Lehrkräfte und Klassenkameraden
reagierte.

Woran arbeiten die Kinder besonders gern mit Ihnen?
In den Lese-Sessions konzentrieren wir uns in der Regel auf die Materialien des
Lola-Lehrwerks. In den übrigen Zeiten, in denen ich die Kinder bei der
Bearbeitung ihrer Arbeitsblätter unterstütze, macht es natürlich am meisten
Spaß, auch etwas „außerhalb des SchulstoƯes“ machen zu dürfen. Ich habe
inzwischen z.B. ein großes Repertoire an Rätseln, Knobelaufgaben etc..
Besonders gerne erinnere ich mich daran, wie ich jeweils mit Gruppen von je vier
Kindern Leonardo-Brücken gebaut habe oder „Magische Quadrate“ mit Lego-
Steinen.
Herausforderungen
Was empfinden Sie manchmal als schwierig in der Arbeit mit den Kindern?
Eine ganz große Herausforderung ist die immer weiter abnehmende
Konzentrationsfähigkeit der meisten Kinder. Schon nach 10-15 Minuten können
sich manche Kinder nicht mehr auf den Lesetext konzentrieren. Selbst bei
spielerischen Dingen, halten Aufmerksamkeit / Interesse nur kurze Zeit an, bevor
man gerne etwas anderes machen will (und das auch wieder nur für kurze Zeit).
Es braucht also viel Geduld und Hartnäckigkeit seitens des Lesepaten und eine
„Strategie der kleinen Portionen“, um dennoch eine Wirkung zu erzielen.

Wie gehen Sie damit um, wenn ein Kind wenig Lust zum Lesen oder große
Schwierigkeiten hat?
Beim Einzellesen kann ich mich kaum an Situationen erinnern, an denen sich ein
Kind „verweigert“. Im Gegenteil: Sehr, sehr oft werde ich schon angesprochen,
wann man denn (endlich 뇤눈눉눊눍눋눌) wieder an der Reihe sei. Dazu trägt natürlich auch
bei, dass es nach jedem Lesen zur Belohnung einen Sticker gibt, den wir
gemeinsam unter dem Lesetext einkleben (und den die Kinder dann stolz den
anderen Kindern in der Klasse zeigen).
Ganz wichtig: „Verweigerungshaltung“ und aktiver Widerstand entstehen extrem
häufig, wenn Gruppen von Kindern zum Lesen geschickt werden, häufig auch die
„Störer“ der Klasse. Das hilft vielleicht der restlichen Klasse (und auch dem
Lehrer), aber macht manchmal ein sinnvolles Lesenlernen mit dem Lesepaten
unmöglich.

Fühlen Sie sich von der Schule ausreichend unterstützt?
Ja, ich fühle mich in der Schule ausreichend unterstützt und auch wertgeschätzt.
Ich habe ein gutes Verhältnis zur Rektorin und zur Klassenlehrerin, mit der ich
nun schon über einen längeren Zeitraum zusammenarbeite. Allerdings: Das
kommt nicht von alleine, sondern ich habe das Gespräch und die Absprache mit
den hauptamtlichen Lehrkräften aktiv gesucht und klare Vereinbarungen
getroƯen.
Zusammenarbeit mit der Schule
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit der Lehrkraft?
Ich habe inzwischen mit drei Lehrkräften länger zusammengearbeitet. Die
Zusammenarbeit mit der zweiten Klassenlehrerin war besonders gut und
vertrauensvoll. Leider hat sie vor zwei Jahren zu einer anderen Schule
gewechselt. Aber auch mit der jetzigen Klassenlehrerin komme ich sehr gut
zurecht.

Welche Unterstützung oder Materialien stellt die Schule zur Verfügung?
Ich arbeite meist mit den Materialien, die die Kinder im normalen Unterricht
verwenden. Dazu kommen dann Dinge aus meinem Fundus, die ich ab und zu als
Ergänzung einbringe. Es ist eher umgekehrt so, dass ich inzwischen bereits eine
große Menge an Bleistiften, Radiergummis, Linealen etc. an die Kinder verteilt
habe, da es eben nicht selbstverständlich ist, dass die Eltern ihre Kinder damit
versorgen. Außerdem gab es auch schon einmal kleine Geschenke zum
Schuljahresende und/oder Weihnachten.
Haben Sie an der Schule zu anderen ehrenamtlichen Kräften Kontakt?
Nein, das vermisse ich manchmal. Da ich nur an zwei Tagen pro Woche an der
Schule bin und auch dann meist gleich in „meiner Klasse“ verschwinde, ergeben
sich kaum zufällige Begegnungen. Hier würde ich mir von EAS Kontakt-Infos
wünschen, damit wir uns ggfs. ab und zu treƯen und austauschen könnten.
 Werden Sie über die Leseförderung hinaus an Ihrer Schule tätig?
Wie beschrieben nehme ich außer an der dedizierten Leseförderung auch am
übrigen Geschehen in der Klasse teil: Unterstützung in Arbeitsphasen, aber auch
Teilnahme an Ausflüge, Exkursionen, besonderen Aktivitäten. Ich nehme auch an
den Elternabenden teil. Das wurde von den Eltern sehr positiv aufgenommen, da
ihre Kinder zu Hause natürlich von einem „Herrn Albert“ erzählen und die Eltern
interessiert daran sind, wer denn dieser Mensch ist und welche Rolle er in der
Klasse hat.
Wirkung und Bedeutung
Was glauben Sie, bewirkt das gemeinsame Lesen bei den Kindern?
Neben der „Vermittlung von Lesefähigkeiten“ bewirkt das 1:1-Lesen ganz
wesentlich den Aufbau von Vertrauen: Vertrauen darauf, dass Erwachsene
wirklich unterstützen (und nicht nur „schimpfen“) und – vielleicht am wichtigsten
- Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Was bedeutet dieses Ehrenamt persönlich für Sie?
Die Grundidee meiner ehrenamtlichen Tätigkeit ist es, „etwas an die Gesellschaft
zurückzugeben“. Ich selbst hatte das Glück, „Aufstieg durch Bildung“ selbst
erfahren zu haben (der erste Akademiker in der Familie) und möchte durch meine
Arbeit auch bei dem einen oder anderen Kind dazu beitragen, dass es – trotz
schwieriger Startbedingungen und/oder fehlender Unterstützung der Eltern –
erfolgreich wird in der Schule (und im späteren Beruf).
Hat sich ihr Blick auf Schule und Kinder durch ihr Engagement verändert?
Ja! Wenn man abstrakt von einer „Brennpunktschule“ hört, kann man sich
trotzdem nicht vorstellen, unter welch extrem harten Bedingungen Lehrkräfte
dort arbeiten (müssen), wie desolat die Infrastrukturen der Schulen (z.B.
Toiletten, Turnhalle) oftmals sind und wie erschreckend hoch der „Verwahr-
losungsgrad“ einiger Kinder dort ist. Das Wort „Verwahrlosung“ hörte ich das
erste Mal von einer älteren Lehrerin. Es erschien mir zunächst sehr hart. Wenn
ich aber jetzt sehe, wie viele Kinder völlig ohne Struktur aufwachsen, oft
unausgeschlafen, ungewaschen und ohne Frühstück in die Schule kommen,
weiß ich, was sie meint.
Wünsche und Ideen Was könnte das Projekt Lesepaten noch verändern?
Da halte ich mich kurz, da das Feedback der TN der letzten AustauschtreƯen mir
gezeigt hat, dass die TNinnen wenig Interesse hatten an Weiterbildungsthemen
und/oder der Bereitstellung von Materialien oder „best practices“. Ich bin
allerdings schon der Meinung, dass Lesepaten/-patinnen noch viel mehr
bewirken könnten, wenn sie über eine gewisse „Vorbildung“ verfügen würden.

Welche Unterstützung würden Sie sich wünschen?
Ich fände es toll, wenn ich die Kontaktdaten der anderen Lesepaten an „meiner“
Schule bekäme, habe aber gemerkt, dass das deutsche Lieblingsblockadewort
„Datenschutz“ das wahrscheinlich schwierig macht.
Abschließend:

Ich biete an, neue (potentielle) Lesepaten/-patinnen beim Einstieg (oder ihrer
Entscheidung für ein solches Ehrenamt) etwas zu unterstützen – wenn dies
gewünscht wird. Sollte also ein neuer Lesepate oder eine neue Lesepatin
Interesse haben, bin ich gerne bereit, „bei einer Tasse KaƯee“ meine Erfahrungen
(und ggfs. Materialien) zu teilen und vielleicht etwas Hilfestellung in der neuen
Aufgabe zu geben.